"Der Mensch muß lernen, den Lichtstrahl aufzufangen und zu verfolgen, der in seinem Inneren aufblitzt."

Ralph Waldo Emerson (1803 - 1882)


Freitag, 2. Dezember 2011

Zwei bewegende Anrufe

Inka (krank) telefonierte heute vom Sofa aus.
Heute bekomme ich keine geistreichen Beiträge mehr hin, denn ich bin froh, dass ich mich so halbwegs auf den Beinen halten kann. Gegessen habe ich den ganzen Tag noch nichts, denn gestern Abend bekam ich Magenkrämpfe, Kopf- und Gliederschmerzen, und ich hatte ständig das Gefühl, mich übergeben zu müssen, was aber nicht funktionierte. Nachts und heute Morgen konnte ich es nur noch mit Schmerztabletten aushalten. An Arbeiten war nicht zu denken, weil ich im Laufe des Vormittags noch heftigen Schüttelfrost bekam. Seit 17 Uhr geht es mir zum Glück wieder besser, und ich hoffe, übermorgen habe ich es überstanden – was immer es auch gewesen sein mag. Aber ich will Euch nicht mit Krankengeschichten langweilen...
Was ist sonst noch so passiert? Ich habe heute zwei Anrufe bekommen, die mich wirklich tief bewegt haben. Der erste war von einem über 70jährigen, kultivierten, unkonventionellen Herrn, der in der Nähe wohnt und dem ich in meinem früheren Leben schon einmal begegnet war und ihn damals sehr interessant, klug und gewitzt fand. Er erklärte mir am Telefon, das meine Geschichte auch die seine sei. Er ist offenbar ebenfalls trans, ist seinen Weg aber nicht konsequent zu Ende gegangen. Zwar habe er mit Anfang 40 Hormone genommen, später jedoch damit wieder aufgehört, weil er sich bei seiner Partnerin zu Hause und am Wochenende auch unterwegs als Frau habe ausleben können. Die Ehe mit seiner Frau sei zuvor nach 30 Jahren geschieden worden, da die Frau überhaupt kein Verständnis für ihn gehabt hätte. Den Mut, sich öffentlich zu outen, hatte er nicht, denn als Beamter wollte er seine berufliche Laufbahn nicht aufs Spiel setzen. Klar, damals waren die Zeiten noch andere, die Gesellschaft noch längst nicht so weit wie heute.
Wir sprachen rund eine halbe Stunde miteinander, und er kündigte mir dann noch einen langen Brief an, den er schon geschrieben habe und ihn noch heute abschicken werde. Ich bin sehr gespannt darauf, und freue mich.
Weniger erfreulich war der andere Anruf. Ich erfuhr, dass eine der Mütter, die mit Ihren Kindern am Transkindertreffen Anfang August auf unserem Hof teilgenommen hatten, auf Bestreben des Vaters und des Jugendamtes das Sorgerecht entzogen werden soll. Die Zwölfjährige muss jetzt befürchten, in ein Heim eingewiesen zu werden. Der Termin bei der Richterin ist am nächsten Freitag. Der Vater behauptet, die Mutter dränge seinen Sohn in die Mädchenrolle – was völliger Blödsinn ist, da seit vielen Jahren ein Gutachten vorliegt, das dem Kind bescheinigt, transsexuell zu sein. Die ihr mit Eintritt der Pubertät zustehenden Testosteronblocker werden ihr jetzt seitens des Jugendamtes vorenthalten, was für das arme Mädchen eine echte Katastrophe ist, da sich ihr Körper jetzt in die falsche, die männliche Richtung zu entwickeln droht. Schon vor einiger Zeit war der Mutter das Sorgerecht teilweise entzogen worden, sodass sie ohne Zustimmung des Jugendamtes mit der Tochter nirgendwo hin fahren darf, auch nicht zu dem Facharzt nach Frankfurt, der das Gutachten damals erstellt hat und ihr jetzt die Testoblocker verschreiben würde. Bei anderer Gelegenheit versuchte ein berühmt-berüchtigter Sexologe der Berliner Charité, das Kind als Forschungsobjekt für seine absurde Theorie, das die weibliche Rolle nicht angeboren, sondern nur anerzogen sei, zu gewinnen. Er wollte es der Mutter wegnehmen und es in eine geschlossene Anstalt einweisen lassen. Er hatte sogar schon Forschungsmittel für die Studie beantragt. Nur durch eine gezielte Indiskretion einer Charité-Mitarbeiterin konnte verhindert werden, dass das Kind der Mutter weggenommen wird.
Ich habe die Mutter und ihre insgesamt drei Töchter beim Transkindertreffen als eine wunderbar harmonierende Familie kennengelernt. Mutter und Töchter gingen wie Freundinnen miteinander um, das Verhältnis war von Liebe und Zuneigung geprägt. Der Mutter jetzt zu unterstellen, sie wolle ihren Sohn, der schon als Mädchen aufgewachsen ist, zur Tochter umpolen, ist geradezu haarsträubend. Angeblich wäre der arme Sohn, wenn er weiterhin bei seiner bösen Mutter bleiben würde, suizidgefährdet. Ich denke, das Kind ist wohl eher suizidgefährdet, wenn es von der Mutter getrennt und in ein Heim gesteckt wird. Hoffentlich hört die Richterin auch das Kind an und lässt sich nicht vor den Karren des Vaters und des Jugendamtes spannen...
Man mag kaum glauben, was in Deutschland im Jahr 2011 noch so alles möglich ist. Einerseits werden Schüler inzwischen, zumindest in Berlin, über Transsexualität aufgeklärt, andererseits scheint in den Mitarbeitern der Jugendämter noch eine uralte, von den wissenschaftlichen Erkenntnissen längste überholte Vorstellung von Transsexualität zu herrschen. Traurig, aber wahr. Ich kann nur hoffen, das es gelingt, die Presse für die Geschichte zu interessieren.
Bis morgen!

7 Kommentare:

  1. Hallo Inka,

    hört sich an wie Migräne … oder aber eine Magen- Darmkrippe. Aber ich wüsste nicht das letzteres gerade in D umgeht … mmm? Wünsche dir schon mal vorweg „Gute Besserung“!

    Das JA darf die Medikamentenvergabe die auf Ärztlicher Verordnung zur Heilung des Kindes notwendig ist nicht unterbinden. Das kann nur ein(e) Richter(in) so z.B. auf Grund von Gutachten. Jugendämter dürfen auch nicht den Umgang einschränken. Das kann und darf auch nur ein(e) Richter(in) oder die Polizei z.B. bei Gefahr in Verzug. Alles andere kann unter gewissen Umständen sogar als Straftat geahndet werden. Es sei denn die Mutter hat aus Unwissenheit diverse Schriftstücke beim JA unterschrieben. Ein Rechtsbeistand für den kommenden Freitag halte ich für unerlässlich, selbst wenn es sich nur um eine Anhörung handeln sollte.
    Falls alle Stricken reißen sollten, kann man das JA mit Dienstaufsichtsbeschwerden eindecken … aber leider ist ja dann das Kind schon in den Brunnengefallen und alles wird wieder mal auf dem Rücken des Mädchens ausgetragen … Merde.

    Liebe Grüße
    Aiko

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  2. Liebe Inka,
    Auch ich wünsche Dir gute Besserung.
    Das mit dem JA und dem TS Kind spiegelt sich ja auch in der Politik der Bundesregierung wieder,sonst wäre das neue TSG,ja schon aktuell,der besagte Prof.von der Charite,bei dem ich übrigens auch wegen der VÄ/PÄ als Gutachter hatte,soll sich mal selbst wegsperren.
    Das Kind hat ein aktuelles Gutachten und bekommt ofiziell Testoblocker,was will da eigentlich das JA?die Leute müßten sich einer Schulung über transsexualität unterziehen um überhaupt objektiv urteilen zu können.

    Lieben Gruß und schönen 2.Advent wünscht Dir Simone

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  3. Heimeinweisung, Forschungsobjekt, Anstalt...
    Wenn ich sowas lese, läuft es mir eiskalt den Rücken runter. Das und Schlimmeres gab es in diesem, unserem Lande schon vor 70 Jahren und wir haben ganz sicher keinen Bedarf an Wiederholungen. Ich kann für die Kleine und ihre Mutter nur hoffen, dass die zuständige Richterin auch ihren gesunden Menschenverstand einschaltet und sich nicht blenden lässt. Das Jugendamt hat schon genug Kinder auf dem "Gewissen", obwohl es eigentlich in deren Sinn handeln sollte...

    Und du?! Das hört sich an, als hättest du eine Grippe in den Knochen stecken. Gute Besserung wünsch' ich dir, hoffentlich kommt nichts mehr nach!

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  4. @ Kati
    Danke und liebe Grüße
    Inka

    @ Aiko
    Einen Rechtsbeistand halte ich in dieser Angelegenheit auch für wichtig. Am besten wäre jemand, der schon mal mit Transkindern zu tun hatte und sich in der Thematik auskennt. Eine solche Anwältin gibt es auch, allerdings hat sie ihre Kanzlei am Starnberger See, und die Familkie, um die es geht, wohnt in Berlin. Außerdem ist der Gerichtstermin so kurzfristig angesetzt worden, dass kaum noch Zeit bleibt, sich in den Fall einzuarbeiten. Aber vielleicht können die Berliner Trans-Verbände der Mutter noch kurzfristig einen kompetenten Rechtsbeistand vermitteln.
    Liebe Grüße
    Inka

    @ Simone
    Das Problem ist, dass es dem Vater mit Hilfe des Jugendamtes vor einiger Zeit gelungen ist, der Mutter teilweise das Sorgerecht zu entziehen. Deshalb hat das Jugendamt jetzt ein erweitertes Mitsprachrecht. Sogar die Teilnahme am Transkindertreffen Anfang August bei uns auf dem Hof musste beim Jugendamt beantragt werden.
    Du hast völlig Recht, dass die Mitarbeiter der Jugendämter zum Thema TS gschult werden müssten.
    Danke für die guten Advents- und Genesungswünsche. Auch ich wünsche Dir einen schönen zweiten Advent!
    Liebe Grüße
    Inka

    @ Bi(e)ne
    Als ich beim Transkindertreffen die ersten Berichte der teilnehmenden Mütter über die Jugendämter und manche Ärzte hörte, fragte ich mich auch: In welcher Zeit leben wir? Eine Mutter aus Dänemark berichtete zum beispiel, das bei ihr im Land (das ich bis dahin immer für aufgeklärt und fortschrittlich gehalten hatten) Transkinder immer noch als geistig behindert gelten und bei den Behörden offiziell auch als Behinderte eingestuft werden.
    Ich hoffe auch, dass die Richterin mit gesundem Menschenverstand urteilt und vor allem das Kind selbst anhört und nicht nur die Eltern und das Jugendamt zu Wort kommen lässt.
    Mir geht es heute auch schon wieder etwas besser. Danke für die guten Wünsche und liebe Grüße
    Inka

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  5. Das hört sich ja ganz schrecklich an. Aber vielleicht wäre eine Lösung, dass - sollte weder der Vater noch das Jugendamt das Aufenthaltsbestimmungsrecht haben, sondern nur dei Mutter - ein ganz schneller Umzug aus dem Zuständigkeitsbereich der Behörde, ggf. zu Verwandten oder superguten Freunden.
    Ich drück ganz fest die Daumen, dass " der liebe Gott" allen Beteiligten so viel Hirn gibt, dass das Kind nicht auf der Strecke bleibt.
    Martina

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  6. @ Martina
    Hm, ein Umzug so kurz vor dem Gerichtstermin wäre wohl zu offensichtlich und würde sicherlich bei der Richterin einen negativen Eindruck hinterlassen. Der Gerichtstermin steht ja, und jetzt kann man nur hoffen, dass es gelingt, die Richterin zu überzeugen.
    Liebe Grüße
    Inka

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